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KünstlerInnen: Emese Benkö und André J. Raatzsch  Sylvia Moss  Mona Jas  Dejan Markovic  Nihad Nino Pušija

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Schulen:  Evangelische Schule Berlin Zentrum Carl-von-Ossietzky-Schule I Carl-von-Ossietzky-Schule II



30. April 2011

FINTEN 2010

Abgelegt unter: Allgemein — Schlagwörter:, , , , , — mona @ 11:09

Anlass des Vermittlungsprojekts Finten – gefördert vom Berliner Projektfonds Kulturelle Bildung – war ein vom Hauptstadtkulturfonds finanziertes temporäres Denkmal für den sinto-deutschen Boxer Johann Trollmann.

Johann Trollmann

Mit zwei 7. Klassen der Carl-von-Ossietzky-Schule und einer Projektgruppe der Evangelischen Schule Berlin Zentrum führten die KünstlerInnen Emese Benkö und André J. Raatzsch [Culture & Development-Team for Emancipation of Roma], Dejan Marković und Marc Schneider, Sylvia Moss, Nihad Nino Pušija sowie ich zum Werk Trollmanns, zu seiner Person und zu der Kultur der Sinti und Roma Workshops in dem Kreativ- und Bildungszentrum der gelben Villa durch.

Im Zentrum stand dabei die Frage, welche Relevanz Rassismus und Ausgrenzung heute im Alltag junger Menschen habe und wie diese Geschichte sehen und erleben.

Mit Finten werden im Sport – z.B. beim Boxen und Fechten – vorgetäuschte Stöße bezeichnet. Das Projekt bezog sich hier auf die Möglichkeit, aktiv durch eine Finte mit Ausgrenzungen umzugehen.

Die beiden Klassen der Carl-von-Ossietzky-Schule wurden für eine Projektwoche in die gelbe Villa eingeladen, die Projektgruppe der Evangelischen Schule Berlin Zentrum war an fünf Donnerstagen hier Gast. Mit Impulsen aus der Biografie des durch die Nationalsozialisten im Konzentrationslager ermordeten sinto-deutschen Boxers Johann Trollmann reflektierten die KünstlerInnen mit den SchülerInnen historische und aktuelle Prozesse von Ausgrenzungen. Methoden des Theaters, des Films, der Performance, der Zeichnung und der Fotografie kamen dabei zum Einsatz. Ein Ziel war, Ausgrenzungen im Schulalltag sichtbar zu machen.

Emese Benkö und André J. Raatzsch [Culture & Development-Team for Emancipation of Roma] erarbeiteten mit zwei Gruppen der Carl-von-Ossietzky-Schule in prozessorientierten Bewegungsabläufen ein Schattentheater und Performances.

Unter Einbeziehung von Elementen des Boxsports bezogen sie sich dabei auf das Leben Johann Trollmanns. Damit erreichten sie, dass die SchülerInnen sich mit Johann Trollmann identifizierten und Empathie entstehen konnte. Auf einer parallelen Ebene reflektierten Emese Benkö und André J. Raatzsch in diesen Prozessen Fragen von aktuellen Machtkonstellationen und Unterdrückungsmechanismen unserer Gesellschaft, die sich für uns auch unmittelbar an den Bedingungen unserer Arbeit vor Ort festmachen ließ.

Dejan Marković setzte die Stop Motion-Technik ein. Mit zwei Gruppen aus beiden Schulen produzierte er, mit der Unterstützung seines Kollegen Marc Schneider, sechs Filme, welche die unterschiedlichen Aspekte von Ausgrenzungen aus der Perspektive der SchülerInnen zeigen. Durch fotografische Einzelbilder, die – aneinander montiert – einen Film ergaben, erarbeiteten die SchülerInnen in Dejan Markovićs Gruppe Situationen mittels Figuren aus Modelliermasse, gezeichneten Figuren und selbst entworfenen Bühnenbildern. Die entstandenen Filme haben eine eindringliche Unmittelbarkeit und berichten so beinahe beiläufig und spielerisch von existentiellen Gruppen- und Machtstrukturen.

Sylvia Moss erarbeitete mit SchülerInnen der Evangelischen Schule Berlin Zentrum Theaterskizzen, die in ihrer filmischen Dokumentation in dichter, erzählerischer Qualität die Tiefe des Zugangs der SchülerInnen zum Thema zeigen. Auffallend an Sylvia Moss‘ Arbeit war, dass die SchülerInnen in hohem sprachlichen Niveau einen Diskurs zu dem Begriff „Vorurteil“ verbalisieren konnten. Auch ist es aufschlussreich zu erleben, wie die SchülerInnen dieser Schule ihre Wahrnehmung von sogenannten „gesellschaftlich unterrepräsentierten“ Gruppen in Theaterszenen darstellten.

Nihad Nino Pušija entwickelte mit zwei Gruppen der Carl-von-Ossietzky-Schule inszenierte Selbstporträts und Fotonovelas, in humorvoller Weise den Umgang mit vermeintlich „anderen“ spiegelnd. Die SchülerInnen arbeiteten mit Nihad Nino Pušija intensiv an fotografischen Techniken und deren digitaler Bildbearbeitung. So ermöglichte er den Beteiligten, sich unmittelbar in ihrer Sprache und Erlebniswelt auszudrücken. Als „Role Model“ strahlte der Fotograf einen Respekt aus, die den SchülerInnen seiner Gruppe Halt gab. Er gestaltete einen intensiven sowie intuitiven Austausch durch die Arbeit und hinterließ so eine starke Verbundenheit mit den Teilnehmenden auch über den Projektrahmen hinaus.

Mit zwei Gruppen beider Schulen konzipierte ich, auf der Grundlage des „Unsichtbaren Theaters“ von Augusto Boal, Szenen für die Öffentlichkeit. Zur Annäherung an das Thema setzten wir fotografische, zeichnerische sowie plastische Techniken ein und führten Interviews mit ExpertInnen und PassantInnen. Nach dieser Recherche entwickelten die SchülerInnen selbständig ein Drehbuch und inszenierten ihre Darstellungen in der Öffentlichkeit. Die inszenierten Theaterszenen auf der Straße konzentrierten sich auf die Darstellung von Gewalt und Unterdrückung. Die PassantInnen wussten nicht, dass die Szenen „nur“ gespielt waren. Die SchülerInnen wollten so feststellen, wie groß die Bereitschaft ihrer Umwelt zur aktiven Zivilcourage ist. Das Ergebnis ihrer Untersuchungen war desillusionierend, wenige reagierten, noch weniger schritten ein.

Annette Frauendorf, Martin Glischke und weitere LehrerInnen der Evangelischen Schule Berlin Zentrum leiteten neben diesen Workshops eine Projektgruppe mit 24 SchülerInnen in der gelben Villa. Diese Gruppe führte, neben vielen anderen Aktivitäten, Dokumentationen durch und publizierte ihre Recherchen im Blog des Projekts finten.org. Mit flexibler Organisation ermöglichten Annette Frauendorf und Martin Glischke damit der gesamten Gruppe ihrer Schule eine Teilnahme an dem Projekt, das wegen Platz- und Personalmangel gefährdet war.
Parallel zu der Arbeit in den verschiedenen Gruppen konnten die SchülerInnen in der nahe gelegenen Boxhalle in der Bergmannstraße selbst Boxen lernen. Durch dieses Boxtraining im Boxverein Seitenwechsel e.V. mit Christina Ahrens und Duke konnten die Teilnehmenden erfahren, wie es ist zu schlagen und geschlagen zu werden – d.h. „gleichzeitig Opfer und Täter zu sein“, wie die Trainerin es ausdrückte. Dazu entwickelten und führten die Teilnehmenden Gespräche mit dem Ehrengast Petra Rosenberg, der Vorsitzenden des Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V., durch. Der Verein Amaro Drom e.V., geleitet von Hamze Bytyci und Jonathan Mack, lud die Projektgruppe der Evangelischen Schule Berlin Zentrum in ihre Räume ein, um durch den direkten Dialog Anregungen zur Auseinandersetzung mit der Kultur und dem Alltag der Sinti und Roma zu geben.
Eine Präsentation der Arbeiten in der gelben Villa, die in den Workshops entstanden sind, beendete das Projekt – parallel zum Eröffnungszeremoniell der Skulptur – am 9. Juni ab 17 Uhr.
Das Projekt wurde mit Mitteln der Berliner Kulturprojekte GmbH, Projektfonds Kulturelle Bildung, gefördert und in Kooperation mit dem Kreativ- und Bildungszentrum für Kinder und Jugendliche, die gelbe Villa, dem Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg e.V., Amaro Drom e.V. sowie dem Boxverein Seitenwechsel e.V. unter der Projektleitung von Mona Jas realisiert.

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